
Unterbiss (Progenie)
Ein Unterbiss ist eine Bissfehlstellung, bei der die unteren Frontzähne beim Zubeißen vor den oberen liegen. Meist liegt das am Verhältnis von Ober- und Unterkiefer, manchmal an der Stellung einzelner Zähne. Er kann angeboren sein oder sich im Wachstum entwickeln und beeinflusst Abbeißen, Kauen, Sprechen und das Gesichtsprofil. Behandelt wird er kieferorthopädisch, bei ausgeprägten Formen zusammen mit der Kieferchirurgie.
Was bei einem Unterbiss im Kiefer passiert
Normalerweise liegen die oberen Schneidezähne beim Zubeißen leicht vor den unteren. Beim Unterbiss ist es umgekehrt. Dahinter steckt entweder ein Unterkiefer, der stärker gewachsen ist, ein Oberkiefer, der im Wachstum zurückgeblieben ist, oder beides. Manchmal sind es auch nur einzelne obere Frontzähne, die zu weit hinten stehen; dann rutscht der Unterkiefer beim Zubeißen nach vorne.
Am Kauen arbeiten vor allem Masseter (der kräftige Kaumuskel an der Wange), Temporalis (an der Schläfe) und die Pterygoideus-Muskeln (tief innen am Kiefergelenk, sie schieben den Unterkiefer nach vorne und zur Seite). Manche Menschen mit Unterbiss haben zusätzlich Beschwerden in den Kaumuskeln oder im Kiefergelenk; ob das mit der Bisslage zusammenhängt, klärt eine zahnärztliche Funktionsuntersuchung.
Unterbiss-Symptome: Woran du ihn erkennst
- Die unteren Frontzähne stehen beim Zubeißen vor den oberen
- Das Kinn wirkt vorstehend, das Mittelgesicht eher flach
- Abbeißen und Kauen sind schwierig, weil die Zähne nicht gut aufeinanderpassen
- Die Aussprache ist bei manchen Lauten auffällig (→ Sprachprobleme)
- Die Schneidezähne schleifen sich an den Kanten ab
- Verspannte Kaumuskeln, Kieferschmerzen oder Kieferknacken, wenn das Kiefergelenk mitbelastet ist (→ CMD, Kieferknacken)
Wie ein Unterbiss entsteht
- Veranlagung und Kieferwachstum: Ein Unterbiss tritt in manchen Familien gehäuft auf. Wächst der Unterkiefer stärker als der Oberkiefer oder bleibt der Oberkiefer zurück, entsteht ein Unterbiss. Das zeigt sich oft schon im Kindesalter.
- Verletzungen: Verletzungen im Gesichts- und Kieferbereich können die Kieferposition verschieben.
Wie wird ein Unterbiss behandelt?
- Bei Kindern: Solange der Kiefer wächst, lässt sich das Wachstum mit kieferorthopädischen Geräten beeinflussen, etwa mit einer Gesichtsmaske, die den Oberkiefer nach vorne entwickelt, oder mit Verankerungen am Knochen (Azamian et al., 2016; Meyns et al., 2018). Deshalb ist eine frühe Kontrolle wichtig, auch schon im Milchgebiss.
- Unterbiss korrigieren bei Erwachsenen: Ist das Wachstum abgeschlossen, können leichte Formen manchmal mit einer Zahnspange ausgeglichen werden, indem die Zähne verschoben werden; ob das reicht, beurteilt die Kieferorthopädie. Bei ausgeprägtem Unterbiss ist meist eine Kombination aus Kieferorthopädie und Kieferoperation nötig.
- Physiotherapie: begleitet vor und nach einer Kieferoperation, löst Verspannungen der Kaumuskeln und übt das Öffnen und Schließen wieder ein (→ Kiefer nach der OP).
- Logopädie: übt Zungenlage und Lautbildung, wenn die Aussprache betroffen ist.
Übungen aus der CRANii App zum Thema Unterbiss
Ob sie zu deiner Behandlung passen, besprich mit deiner Kieferorthopädin oder deinem Kieferorthopäden. Nach einer Kieferoperation übst du nur, wenn dein Behandlungsteam es freigegeben hat. Neue oder starke Schmerzen im Kiefergelenk lässt du vorher abklären.
O - A Pushings
Du wechselst zwischen den Mundformen O und A. Basic Exercises, 1 Minute.
Nutcracker Open
Übung für den Masseter und seine Gegenspieler. Basic Exercises, 2 Minuten.
Die Videos findest du in der CRANii App.
Was du im Alltag bei Unterbiss tun kannst
- Früh kontrollieren lassen: Fällt dir bei deinem Kind auf, dass die unteren Zähne vor den oberen stehen, lass es kieferorthopädisch ansehen. Im Wachstum gibt es die meisten Möglichkeiten.
- Kleine Bissen: Wenn Abbeißen schwerfällt, schneid Obst und Brot klein, statt mit den Seitenzähnen zu reißen.
- Kaumuskeln entlasten: Merkst du, dass du die Zähne zusammenpresst, lass den Kiefer locker: Lippen zu, Zähne auseinander, Zunge am Gaumen.
Wann ein Unterbiss untersucht werden sollte
Lass einen Unterbiss untersuchen, wenn
- dir bei deinem Kind ein Unterbiss auffällt, auch schon im Milchgebiss,
- Kauen oder Abbeißen deutlich erschwert sind,
- das Kiefergelenk schmerzt, knackt oder sich der Mund nicht mehr richtig öffnen lässt,
- sich die Zähne sichtbar abnutzen,
- sich der Biss nach einem Unfall verändert hat. Dann such sofort zahnärztliche oder ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen zum Unterbiss
Kann ein Unterbiss ohne Operation korrigiert werden?
Bei Kindern im Wachstum lassen sich viele Formen mit kieferorthopädischen Geräten beeinflussen. Bei Erwachsenen mit ausgeprägter Fehlstellung ist oft eine Kombination aus Kieferorthopädie und Kieferchirurgie nötig.
Quellen
Meyns J et al. (2018): The clinical outcome of skeletal anchorage in interceptive treatment (in growing patients) for class III malocclusion. Int J Oral Maxillofac Surg. PMID 29709324. PubMed
Azamian Z et al. (2016): Treatment Options for Class III Malocclusion in Growing Patients with Emphasis on Maxillary Protraction. Scientifica (Cairo). PMID 27144056. PubMed