Junge Frau hält eine Hand ans Ohr und eine an den Hals

Schmerzlexikon

Tinnitus

Wenn Kiefer und Nacken beim Ohrgeräusch mitspielen

Tinnitus ist ein Ohrgeräusch ohne äußere Schallquelle: Pfeifen, Rauschen, Summen oder Brummen, dauerhaft oder in Phasen. Häufige Begleitumstände sind Hörverlust, Lärm und Stress. Bei manchen Menschen hängen Tinnitus und Kiefer zusammen: Das Geräusch wird lauter, leiser oder anders, wenn sie die Zähne zusammenbeißen, den Kiefer verschieben oder den Kopf drehen. Dann spricht man von somatischem oder somatosensorischem Tinnitus. Ein neues Ohrgeräusch gehört immer zuerst in die HNO-Praxis.

Wie Kiefer und Nacken mit dem Ohr verbunden sind

Das Kiefergelenk liegt direkt vor dem Gehörgang, nur wenige Millimeter vom Ohr entfernt. Die Kaumuskeln, Masseter an der Wange, Temporalis an der Schläfe und Pterygoideus tief am Kiefergelenk, sowie die Muskeln am oberen Nacken senden laufend Signale über Spannung und Lage ins Gehirn. Diese Signale laufen in Hirnstamm-Bereichen zusammen, die auch Hörsignale verarbeiten. Mit diesem Modell erklärt die Forschung, warum Pressen, Kieferbewegungen oder Druck auf den Nacken bei manchen Menschen ein Ohrgeräusch verändern (Levine, 1999; Haider et al., 2017).

Menschen mit CMD oder Bruxismus berichten häufiger über Ohrgeräusche. Wer nachts knirscht und morgens ein lauteres Rauschen hört, sollte deshalb neben der HNO-Praxis auch Kiefer und Kaumuskeln untersuchen lassen.

Ein kleiner Hinweis zum Selbstbeobachten: Nur, wenn dein Kiefer dabei nicht schmerzt: Beiß kurz fest zusammen, schieb den Unterkiefer nach vorn oder drück die Stirn gegen deine Hand. Verändert sich das Ohrgeräusch dabei, kann eine somatische Komponente mitspielen. Das ist ein Hinweis für die Untersuchung, keine Diagnose.

Tinnitus-Symptome

  • Ohrgeräusche wie Pfeifen, Summen, Brummen oder Rauschen
  • Einseitig oder beidseitig, dauerhaft oder anfallsartig
  • Geräusch verändert sich beim Zubeißen, Gähnen oder bei Kopfbewegungen
  • Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis)
  • Kopfdruck oder Ohrdruck (→ Ohrdruck)
  • Verspannungen in Kiefer, Nacken oder Stirn
  • Schlafprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten

Ursachen von Tinnitus

  • Hörsturz und Lärmschäden: Plötzliche oder schleichende Schäden des Innenohrs, etwa durch Lärm, gehen häufig mit Ohrgeräuschen einher.
  • Kiefer und Zähneknirschen: Bei somatischem Tinnitus verändert sich das Ohrgeräusch, wenn Kiefer oder Kaumuskeln angespannt oder bewegt werden. Manche Betroffene beschreiben ein Ohrgeräusch, das mit Zähneknirschen zusammenfällt.
  • Nacken: Auch Verspannungen und Bewegungen der oberen Halswirbelsäule können das Geräusch beeinflussen (→ Zervikalsyndrom).
  • Stress: Stress rückt das Ohrgeräusch stärker in den Vordergrund und erhöht die Belastung.
  • Blutgefäße: Ein pulsierendes Ohrgeräusch im Takt des Herzschlags kann auf Veränderungen an Blutgefäßen hinweisen und gehört ärztlich abgeklärt.
  • Verarbeitung im Gehirn: Wie stark ein Ohrgeräusch stört, hängt auch davon ab, wie das Gehirn es bewertet und filtert (Vanneste et al., 2010).

Wie wird Tinnitus behandelt?

Je nach Ursache sind mehrere Fachrichtungen beteiligt:

  • HNO-Ärztin oder HNO-Arzt: untersucht Ohr und Gehör, erkennt einen Hörsturz und leitet die Behandlung ein.
  • Zahnärztin oder Zahnarzt: prüft Kiefergelenk, Kaumuskeln und Zähne, wenn das Geräusch auf Kieferbewegungen reagiert oder du knirschst.
  • Physiotherapie: behandelt Kaumuskeln und Nacken, wenn ein somatischer Tinnitus vermutet wird.
  • Psychologische Begleitung: hilft, wenn das Geräusch Schlaf, Stimmung oder Alltag belastet.

Eine Übersichtsarbeit fand Hinweise, dass Physiotherapie für Kiefer und Nacken bei somatischem Tinnitus die Beschwerden verringern kann. Die Studien waren klein und unterschiedlich aufgebaut (Michiels et al., 2016).

Übungen aus der CRANii App zum Thema Tinnitus und Kiefer

Eine Empfehlung für dein Ohrgeräusch setzt eine fachliche Beurteilung voraus: Lass ein neues oder verändertes Ohrgeräusch zuerst HNO-ärztlich abklären. Die oben genannte Übersichtsarbeit hat Physiotherapie untersucht, nicht diese Videos.

Alle Videos findest du in der CRANii App, eine Übersicht im CRANii Kiefertraining. Möchtest du Kiefer und Nacken lieber in einer Praxis ansehen lassen, die mit CRANii arbeitet, schau unter Standorte.

Was du im Alltag bei Tinnitus tun kannst

  • Kiefer locker: Zunge an den Gaumen, Zähne auseinander, besonders wenn du merkst, dass das Geräusch lauter wird.
  • Völlige Stille meiden: Leise Hintergrundgeräusche, etwa Musik oder ein Ventilator, lassen das Ohrgeräusch weniger auffallen.
  • Gehör schützen: Kopfhörer nicht zu laut stellen und bei Lärm Gehörschutz tragen.
  • Pausen: Stress mit Atemübungen und bewussten Pausen ausgleichen.
  • Schlaf: auf ruhige Nächte und regelmäßige Schlafzeiten achten.

Wann ein Ohrgeräusch rasch in die HNO-Praxis gehört

Lass ein Ohrgeräusch rasch HNO-ärztlich abklären, wenn

  • es plötzlich zusammen mit Hörverlust auftritt. Ein Hörsturz sollte noch am selben Tag untersucht werden.
  • es nur auf einem Ohr auftritt oder im Takt des Herzschlags pulsiert,
  • Drehschwindel oder Übelkeit dazukommen,
  • es nach einer Kopfverletzung oder einem sehr lauten Knall beginnt,
  • Lähmungen oder Sprachstörungen auftreten. Dann wähle sofort den Notruf 144.
  • es dich so belastet, dass Schlaf, Stimmung oder Alltag leiden. Dann such ärztliche oder psychologische Unterstützung.

Verändert sich das Geräusch beim Zubeißen oder bei Kieferbewegungen oder hast du Kieferschmerzen, ist zusätzlich eine zahnärztliche Untersuchung sinnvoll. Die Übungen kommen nach der HNO-Abklärung, nicht an ihrer Stelle.

Häufige Fragen zu Tinnitus und Kiefer

Kann Tinnitus vom Kiefer kommen?

Bei manchen Menschen spielt der Kiefer mit. Man erkennt das daran, dass sich das Geräusch beim Zubeißen oder bei Kieferbewegungen verändert. Fachleute sprechen dann von somatischem Tinnitus. Ob das bei dir so ist, klären HNO-Praxis und Zahnarztpraxis gemeinsam.

Kann Zähneknirschen Tinnitus auslösen?

Menschen mit Bruxismus und CMD berichten häufiger über Ohrgeräusche. Ein direkter Auslöser ist damit nicht bewiesen. Wenn du knirschst und ein Ohrgeräusch hast, lass beides untersuchen.

Ist Tinnitus ein Notfall?

Tritt ein Ohrgeräusch plötzlich zusammen mit Hörverlust oder Drehschwindel auf, solltest du noch am selben Tag in eine HNO-Praxis. Ein seit Langem gleichbleibendes Geräusch ist kein Notfall, sollte aber ebenfalls abgeklärt werden.

Quellen

  1. Levine RA (1999): Somatic (craniocervical) tinnitus and the dorsal cochlear nucleus hypothesis. Am J Otolaryngol. PubMed

  2. Michiels S et al. (2016): The Effect of Physical Therapy Treatment in Patients with Subjective Tinnitus: A Systematic Review. Front Neurosci. PubMed

  3. Vanneste S et al. (2010): The neural correlates of tinnitus-related distress. Neuroimage. PubMed

  4. Haider HF et al. (2017): Pathophysiology, Diagnosis and Treatment of Somatosensory Tinnitus: A Scoping Review. Front Neurosci. PubMed